von spacecurly » Do 15. Apr 2010, 17:00
So, es ist ja eigentlich lange her, dass ich hier was geschrieben habe und auch heute geht es mal wieder um meine Arbeit.
In der letzten Woche sind durch Gespräche mit Kollegen viele neue Denkanstösse gekommen, die zumindest mir geholfen haben, meinen Beruf und meinen Umgang mit Patienten mal wieder zu überdenken.
Viele von euch werden mit Sicherheit an der einen oder anderen Stelle fassungslos mit dem Kopf schütteln, aber ich möchte das trotzdem gerne mit euch teilen.
In einer stillen Minute, während des Beginns meiner Nachtwachen, kamen wir auf das Thema zu sprechen, dass eigentlich in keinem anderen Beruf soviel Kontakt zu den Themen Tod und Krankheit besteht, wie im Krankenhaus, als Schwester oder Arzt.
Oftmals werden kleine Bagatell Verletzungen, die man erleidet, weil Patienten einen Beissen, schlagen, treten oder kneifen, gar nicht bei einem entsprechenden Arzt gemeldet, einfach weils mit mega viel Papierkram verbunden ist und man nach einer zB durchwachten Nacht keine Lust hat sich in die Ambulanz zu setzen und dort darauf zu warten endlich dran zu sein, bevor man dann irgendwann mal ins Bett kriechen kann.
Aber genau das ist der Punkt, wird eine Schwester verletzt von einem Patienten, dann kann das im schlimmsten Fall lebensbedrohliche Konsequenzen habe, obwohl man nichts dafür kann, den man ist ja angehalten dem Patienten zu helfen.
Würde ich also während der Arbeitszeit verletzt und bekame dadurch HIV Hepatitis oder sonst eine ansteckende Krankheit, dann ist es nichts, was man einfach mit ein paar Pillen wieder in den Griff bekommt oder eine OP, bei der ein paar Knochen gerichtet werden.
Die Konsequenz ist viel grösser.
Gesellschaftlich fragt keiner danach, wie man an diese Krankheiten kommt, denn dein Gegenüber geht immer vom schlimmsten aus, also dass du irgendwann mal drogen genommen hast, die Prostituierst oder Homosexuell bist, je nachdem um welche Krankheit es gerade geht.
Meistens wird man sogar nur müde belächelt, wenn man beteuert, dass es eine nicht selbst verschuldete Verletzung war, dass man eine unsaubere Blutkonserve hatte etc.
Muss man irgendwann mal ein Spenderorgan haben, kommt man aufgrund dieser Verletzungen erst gar nicht auf die Liste, egal ob man im Dienste der Menschheit gearbeitet und sich verletzt hat oder nicht!
Zudem muss man auch noch stichhaltig beweisen können, dass man es von einem Patienten hat und nicht irgendwo wild in einer Disco etc, drauflos gelebt hat und es daher hat.
Also ist man gesundheitlich angeschlagen und weitere Hilfe wird einem in manchen Fällen auch verwehrt, weil es ja Leute gibt, die ein "saubereres" Profil haben!
Zudem... wie macht man sowas seinem Partner klar?
Ist der überhaupt bereit damit zu leben?
Und je nachdem, ist man bereit dann noch Kinder zu kriegen und die mit dieser Krankheit aufwachsen zu lassen?
Auf einen Schlag können dann mal eben ein ganzer Lebenstraum und die Welt die man sich aufgebaut hat, über den Haufen geworfen werden.
Im schlimmsten Fall ist alles weg: Partner, Arbeit, finanzielle Sicherheit und Familie und Freunde, die damit nicht umgehen können oder wollen.
Von der emotionalen Veränderung, die man im Laufe der Berufsjahre durchmacht, stehen einem eigentlich bei genauerer Betrachtung ziemlich die Haare zu Berge, wie wir in unserem kleinen Diskussionskreis festgestellt haben.
Aussagen wie: "Ach, der lebt immer noch?" oder "Warum tut die Familie ihm das noch an?" bis hin zu "Gott sei Dank ist er endlich gestorben!" sind dabei keine Seltenheit.
Ist Pflegepersonal oder Ärzte unter sich, versteht man diese Aussagen, als das, was dahinter steht, nämlich: "Für ihn war es besser, er hat sich gequält", "Diese Behandlung wird sein Leiden nur noch verlängern und eigentlich ist das doch keine Lebensqualität mehr, nur im Bett zu liegen und alles künstlich aufrechterhalten" und "Endlich ist er aus dem Leid, dass wir ihm aufzwingen erlöst!"
Jeder, der nicht in einem Krankenhaus oder mit kranken Menschen Arbeitet würde bei diesen AUssagen wirklich denken, was für ein kalter Drache ist das denn? In dessen Obhut möchte ich mich aber nicht befinden und meine ANgehörigen lieber auch nicht.
Sowas sagt man doch nicht und wie kann sie sich erlauben sowas zu sagen, hat sie den gar kein Gefühl.
DIese emotionale Abschottung, die irgendwann stattfindet ist, wie ich finde sehr schwer aufzuhalten.
Und meistens nimmt man sie dann auch mit aus dem Krankenhaus nach Hause, so dass man irgendwann feststellt, dass man manche Leute gar nicht mehr so nah emotional an sich ranlässt wie früher und diese Schutzmechanismen auch in der eigenen Familie anwendet.
Ich habe aus dem Gespräch soviel mitnehmen können, dass ich wirklich über mein Verhalten habe nachdenken können und das hat mir sehr gut getan.
In ZUkunft werde ich mit Sicherheit genauer darüber nachdenken, wie ich etwas sage und wie ich mich jemandem zuwenden möchte.
Denn eins steht fest, arbeitet man so nah an Menschen, dann kann man nicht einfach seine Arbeit auf der Arbeit lassen, nach Hause fahren und es abhaken. Einen Teil nimmt man immer mit, egal ob bewusst oder unbewusst!
Hoffe ich habe euch nicht zu sehr erschreckt, aber ich wollte diese Gedanken doch gerne mit euch teilen.
teste mich signatur.